"Zellhaufen ein Unwort"

LebensForum sprach mit Professor Dr. Herzog über den Beginn des Menschseins

LebensForum: Herr Professor Herzog, wann wird der Mensch zum Menschen?

Prof. Volker Herzog: Der Mensch entwickelt sich nicht zum Menschen, sondern immer als Mensch. Die Begründung dafür ist folgende: Bei der Befruchtung verschmelzen die Vorkerne von Ei- und Samenzelle miteinander, wodurch ein neues Genom entsteht. Wichtig ist hierbei, dass dies rein zufällig und bisher nicht steuerbar geschieht. Dieses neue Genom verleiht der befruchteten Eizelle alle Potenzen für die Entfaltung des Individuums. Der Mensch und seine Individualität ergeben sich daher aus dem neuen Genom. Nach der Befruchtung unterliegt er zusätzlich Einflüssen äußerer Faktoren.

LebensForum: Gibt es Brüche in dieser Entwicklung, die das Setzen von Zäsuren rechtfertigen, wie dies bei den Diskussionen um die Forschung an embryonalen Stammzellen und um Abtreibungen getan wird?

Herzog: Diese Befruchtung ist der Startpunkt, von ihm an muss von einem neuen Menschen gesprochen werden. Die nachfolgende Entwicklung verläuft kontinuierlich, wobei zwar verschiedene Stadien in der Entwicklung, etwa die Zygote, die Morula, die Blastozyste, der Vorgang der Nidation in die Uterusschleimhaut oder die Entwicklung des Zentralnervensystems unterschieden werden können. Aber aus der Aufeinanderfolge der verschiedenen Stadien ergibt sich biologisch ein Kontinuum der Entwicklung. Jede Zäsur, die von Menschen gesetzt wird, ist daher willkürlich und sie ist fragwürdig, weil sie vermeintlichen Bedürfnissen der Gesellschaft, nicht aber der Biologie der Entwicklung Rechnung trägt.

LebensForum: Oft wird in Diskussionen vorgebracht, dass befruchtete Eizellen sich nicht dauerhaft in den Körper der Mutter einnisten können und unbemerkt absterben. Dass also sehr viele Frauen nach Ihrer Definition Kinder gehabt haben, von denen sie gar nichts wissen.

Herzog: Natürlich kommt es vor, dass Embryonen in der Frühphase der Schwangerschaft unbemerkt absterben, aber das ändert nichts daran, dass es sich dabei um einen Menschen in einem – wenn auch sehr frühen – Entwicklungsstadium handelt. Dies rechtfertigt vor allem keinesfalls ein Eingreifen des Menschen und die willkürliche Gefährdung oder Beendigung ungeborenen Lebens.

LebensForum: Wie erklären Sie einem Skeptiker, dass es sich bei einem "winzigen Zellhaufen", wie manche das gerne ausdrücken, um einen Menschen handelt?

Herzog: Hier muss ich wieder mit der Kontinuität der Entwicklung argumentieren: Die innere Zellmasse der Blastozyste ist zeitlich eingebettet in ein Kontinuum der Entwicklung, aus der unter günstigen Umständen ein Mensch mit voller körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit erwächst. Der Mensch in diesem Frühstadium der Entwicklung verfügt über alle Entfaltungsmöglichkeiten und genießt daher vollen Schutz. Der Ausdruck "Zellhaufen" ist ein Unwort, das geeignet ist, die Bedeutung dieses Entwicklungsstadiums zu minimieren.

LebensForum: Heute ist das Leben der Ungeborenen im ganz frühen Stadium so bedroht wie nie. Neben der Forschung an embryonalen Stammzellen – Sie haben sich in der öffentlichen Debatte für ein Verbot ausgesprochen – wird es auch bei Eltern mit Kinderwunsch immer wieder aufs Spiel gesetzt. Sei es bei der künstlichen Befruchtung, die in vielen Fällen nicht erfolgreich ist, sei es bei der Präimplantationsdiagnostik (PID), um deren Einführung in Deutschland gestritten wird.

Herzog: Wir sollten von der PID lieber die Finger lassen. Neben der Tatsache, dass hier eine Selektion von Menschen vorgenommen wird, ist es auch nicht absehbar, welche Schäden die Entnahme einer Zelle zur Überprüfung mit sich bringt. Es wird oft behauptet, dass die PID harmlos sei, doch die Kinder, die durch eine Präimplanationsdiagnostik gecheckt zur Welt gekommen sind, sind heute noch nicht alt genug, als dass mögliche Folgen überprüft werden können.
Wir wissen aber bereits, dass andere Maßnahmen der modernen Reproduktionsmedizin Schäden verursachen, die anfangs noch nicht zu erkennen sind. Bei der als ICSI-Methode bekannten Spermieninjektion in die Eizelle ergibt sich z.B. ein vielfach höheres Risiko der Entstehung von Fehlbildungen. Die In-vitro-Fertilisation stürzt außerdem die beteiligten Ärzte in Konflikte, die unzumutbar sind. So zum Beispiel, wenn eine Frau nach erfolgreicher künstlichen Befruchtung mit Zwillingen schwanger geworden ist und die Eltern dem Arzt mitteilen: "Das haben wir uns anders vorgestellt, wir wollten nur ein Kind. Sehen Sie zu, wie Sie eines von beiden wegbekommen." Der Arzt steht jedoch im Dienste der Lebenserhaltung, und Tötung von ungeborenen Leben aus nicht-medizinischer Indikation ist unärztlich. Es mag Ärzte geben, die so etwas freiwillig tun, aber für viele entstehen unmögliche Situationen.

LebensForum: Oft wird das Erlangen vom Bewusstsein als Kriterium für ein schützenswertes menschliches Leben definiert…

Herzog: Der Zeitpunkt einer möglichen vorgeburtlichen Bewusstseinsbildung ist noch unbekannt. Der Zweifel an der Bewusstseinsbildung als Kriterium gilt auch für das Leben nach der Geburt.
Ich halte die Bewusstseinsbildung nicht für den entscheidenden Punkt. Menschen mit Behinderung genießen selbstverständlich den vollen Schutz der Gesellschaft. Es gibt außerdem viele Situationen in unserem Leben, in denen unser Bewusstsein eingeschränkt sein kann. Nehmen Sie z.B. einen Alkoholiker im tiefen Delirium – er ist nicht orientiert und besitzt sicher kein vollständig erhaltenes Bewusstsein, aber ist er deshalb kein Mensch? Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in eine Hybris verfallen, die uns glauben lässt, die klügsten oder die am besten gebildeten Menschen seien auch die wertvollsten und schutzbedürftigsten.

Das Interview mit Professor Dr. Volker Herzog, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Zellbiologie der Universität Bonn, führte Veronika Blasel